Blog des Zukunftslabors Ost: Engagement trotz Corona!?

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Demokratiearbeit unter Corona-Bedingungen im ländlichen Raum von Mecklenburg-Vorpommern

Die Initiative Zukunftslabor Ost hat sich das Ziel gesetzt, Problemwahrnehmungen, Handlungsansätze und Ideen ostdeutscher Zivilgesellschaft und Kommunen sichtbar zu machen. Während die aktuelle Corona-Pandemie starke Auswirkungen auf das gesamte gesellschaftliche Leben hat, sind demokratiefördernde Akteur*innen und Projekte besonders betroffen. Inwiefern sich die Pandemie auf ihr Handeln, ihre Themen und ihre Zielgruppen auswirkt, welche Risiken aber auch Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben, soll in unterschiedlichen Beiträgen verdeutlicht werden.

Heute berichten Daniel Trepsdorf, Leiter des RAA-Regionalzentrums Westmecklenburg, und  Niels Gatzke, Projektleiter der RAA Mecklenburg-Vorpommern.

Auf die Corona-Krise waren die Menschen im Nordosten gar nicht so schlecht vorbereitet, meint Daniel Trepsdorf, Leiter des RAA-Regionalzentrums Westmecklenburg. Aufgrund der politischen und sozio-ökonomischen Veränderungen seit 1989/90 hätten sie bereits viel Erfahrung mit Umbruchsituationen und unsicheren Zukunftsaussichten gesammelt. „Das ist einerseits ein Vorteil, weil man dadurch solchen Umständen gelassener begegnet. Auf der anderen Seite können vermehrte Unsicherheitserfahrungen aber auch verstärkt zu destruktiven Reaktionen führen – und das geht zulasten der Demokratie. Zum Beispiel, indem rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen den Unmut für ihre eigenen Zwecke nutzen.“ Den Aufwind, den antidemokratische Verschwörungsmythen in den vergangenen Monaten in sozialen Netzwerken bekamen, sieht Daniel Trepsdorf mit Sorge: „Dieses Gedankengut hat seinen Weg bis in die Mitte der Bevölkerung gefunden, unter anderem durch die starke Medienpräsenz.“ Hinzu komme, dass die professionellen Strukturen von Rechtsextremisten im westlichen Mecklenburg gut ausgebaut seien. „Seit den 90er Jahren wurde da eine effektive Kaderstruktur aufgebaut. Es werden Schulungen veranstaltet, von antidemokratischen Argumentationstechniken bis hin zu Kampfsportkursen.“

Nachhaltige Demokratieförderung ist gefragt

Das Bild vom rechtextremistisch orientierten Osten im Gegensatz zum demokratisch gesinnten Westen Deutschlands lehnt Daniel Trepsdorf jedoch vehement ab: „Zum einen finden sich in den alten Bundesländern ebenfalls solche Strukturen, die zum Teil schon viel länger existieren und entsprechend stark etabliert sind. Zum anderen gibt es im Nordosten auch viel bürgerschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus.“ Noch einen anderen Aspekt hält er für grundlegend: „Die Frage sollte nicht immer nur lauten, warum Rechtsextremisten in bestimmten Regionen so stark sind, sondern weshalb demokratische Organisationsformen dort so schwach sind.“ Für eine nachhaltige Wirkung der Demokratiearbeit im ländlich geprägten Nordosten reichten auf drei bis fünf Jahre begrenzte Projekte nicht aus, ist Trepsdorf überzeugt: „Es müssen dauerhafte, institutionalisierte Förderstrukturen geschaffen werden.“ Dieser Meinung ist auch Niels Gatzke, der das RAA-Projekt „perspektywa – Zusammenleben und Beteiligung stärken“ in Vorpommern leitet: „Einzelne Leuchtturmprojekte über einen relativ kurzen Zeitraum bringen keine großen Veränderungen. Dazu bräuchte man ein Programm, das in die breite Fläche ausstrahlt und deutlich mehr Menschen erreicht als bisher.“

Digitale Angebote ergänzen die analoge Projektarbeit – ersetzen können sie diese aber nicht

Die Menschen mit Projekten zu erreichen, sei aber auch unter Corona-Bedingungen schwierig, berichtet Niels Gatzke. „Klassische Bürgerbeteiligung bedeutet ja, dass die Leute miteinander reden. Doch digitale Diskussionsforen werden von den Einheimischen hier selten genutzt.“ Die Ursache dafür liege nicht in einer schlechten Internetverbindung auf dem Land, sondern darin, dass die Menschen der Region sich kaum auf derartige Angebote einließen. „Es ist schwer, diese mentale Barriere zu durchbrechen“, meint Gatzke. In Westmecklenburg seien digitale Angebote von den Zielgruppen hingegen gut angenommen worden, so Daniel Trepsdorf. „Für qualitativ hochwertige Formate braucht man allerdings eine entsprechend gut aufgestellte Technik und Methodenkompetenz – das wiederum erfordert Investitionen und mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung“, ergänzt er. Auch wenn die gerade im Beratungsbereich unerlässliche echte Nähe nur im direkten menschlichen Kontakt entstehen könne, sieht Trepsdorf die Digitalisierung der Projektarbeit durch die Corona-Krise gestärkt.

Wertschätzung des europäischen Zusammenlebens gestiegen

Niels Gatzke hofft, dass zwei seiner Erfahrungen auch in der Zeit nach Corona bestehen bleiben: „Es war toll, mitzuerleben, wie die Leute hier im Kontext der zeitweiligen Grenzschließung zwischen Polen und Deutschland selbstständig Protestaktionen für offene Grenzen organisiert haben. Da ist eine unglaubliche Vernetzung von Akteuren entstanden, die es vorher nicht gab. Außerdem ist bei den Menschen hier die Wertschätzung des europäischen Zusammenlebens und des grenzüberschreitenden Austauschs gestiegen. Es wäre schön, wenn sich das fortsetzt.“

 

Den Text verfasste Sophie Ludewig, RAA Mecklenburg-Vorpommern. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei der Autorin. Wir möchten darauf hinweisen, dass die Beiträge subjektive und situative Wahrnehmungen darstellen. Sie möchten uns auch einen Beitrag über Ihre Situation zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns: info[at]zukunftslabor-ost.de.

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