Jüdische Gemeinden und jüdisches Leben in Stettin und Rostock

Datum
Grenzpfeiler an der Oder

1700 Jahre jüdisches Leben in Mitteleuropa –  doch die Allermeisten wissen darüber sehr wenig. Mit dieser Feststellung eröffnete Niels Gatzke die Online-Veranstaltung "#2021jlidepl - Jüdisches Leben in Deutschland und Polen". Und wünschte sich, dieses Gespräch möge - ganz im Sinne von perspektywa - ein Grenzen überschreitendes Bewusstsein befördern. Die beiden eingeladenen Gäste, Juri Rosov und Albin Majkowski, gaben ihr Bestes.  Sie ließen das Publikum teilhaben an einer Zeitreise in ihre Kindheit und Jugend, sprachen über jüdische Traditionen und ebenso offenherzig über die Situation ihrer Gemeinden in Stettin und Rostock.

Da gibt es vieles, was sie sich anders wünschen. Doch es gibt vor allem eins, was beide sehr zu schätzen wissen: Es ist heute möglich, sich frei über jüdisches Leben zu unterhalten. Albin Majkowski wuchs in Polen auf; Juri Rosov auf der Krim - Jüdisch war man dort, und nicht nur dort, besser still und im Geheimen. Das zeigte seine Wirkung: Wo früher die Synagoge war, gab es in der Kindheit von Juri Rosov ein Lager für Pfandflaschen. Jahrelang war der Davidstern für ihn ein Symbol für Pfand. Er war traurig, als er erfuhr, dass die Familie jüdisch ist. Früh hatte er auf dem Schulhof gehört, dass das etwas Beschämendes ist. Früh hatte er die Angst der Großmutter erlebt, wenn der Großvater ein jiddisches Lied sang. Auch Albin Majkowski betont, dass die Folgen des langen Versteckens und Schweigens sich bis heute bemerkbar machen. Traditionen müssen weitergegeben werden von einer Generation an die nächste. Wird diese Kette unterbrochen, ist es schwer, sie wieder zusammenzufügen.

Umso fröhlicher und mit viel Stolz erzählen beide über das Gemeindeleben. In Rostock musste die jüdische Gemeinde ab den 1990er Jahren von Migrant*innen aus der Sowjetunion erst wieder aufgebaut werden. In der DDR hatte sie nicht einmal genug Mitglieder, um einen Gottesdienst feiern zu können. In Stettin versammelten sich nach 1945 zahlreiche Juden, die den Holocaust überlebt hatten. Doch in den 1960er/70er Jahren gab es aufgrund staatlicher Repressionen eine große Emigrationswelle. So beleben heute eher die Kinder oder Enkel der ehemals Emigrierten die Gemeinde in Stettin, hinzu kommen einige Student*innen, Russ*innen und Ukrainer*innen.

Albin Majkowski hofft, dass die Stimme der jüdischen Gemeinde mit den Jahren kräftiger wird und immer mehr Menschen ihre Wurzeln entdecken und nach ihrer jüdischen Identität fragen. Im Vergleich zu Warschau oder Krakau, wo das Judentum inzwischen wieder aufblüht, braucht es in Stettin noch Geduld. Das ist nicht zuletzt auch eine Generationenfrage. Juri Rosov würde gerne über einen jüdischen Kindergarten oder eine jüdische Schule nachdenken. Doch viel Zeit verbringt er in Altenheimen und auf dem Friedhof. Die Gemeinde ist überaltert, die nächste Generation macht sich rar. Umso erfreuter erzählt er, dass sie kürzlich eine Beschneidung feiern konnten. Und überhaupt: „Wir Juden sind ein glückliches Volk, wir haben jede Woche ein Fest: Schabbat“.

So geht es knappe zwei Stunden hin und her zwischen Hoffnungen und Sorgen, Ideen und Ernüchterung. In Polen suche man schon wieder nach Sündenböcken und manche fürchten, dass wieder einmal die Juden dafür herhalten müssen, wenn die Auswirkungen der Coronakrise so richtig spürbar werden. Dem setzt die jüdische Gemeinde gemeinsam mit der römisch-katholischen Kirche, dem Stadtpräsidenten und dem Oberbürgermeister von Stettin die Idee eines Zentrums für grenzüberschreitende Kultur entgegen, in dem Zukunftsvisionen entwickelt und gelebt werden können. Der gewählte Ort ist geschichtsträchtig, ganz in der Nähe des Bahnhofs, wo bis zur Reichspogromnacht 1938 die Synagoge stand. Nun soll das Zentrum alle Kulturen und Religionen vereinen, die es in Pommern in den letzten Jahrhunderten und in der Nachkriegszeit gegeben hat. Die jüdische Gemeinde in Rostock ist schon mal herzlich eingeladen.

Hört man Juri Rosov zu, was er über seine Gemeinde erzählt, wird der Austausch bestimmt ein Fest. Seine Gemeinde bestehe zu 99 % aus russischen bzw. sowjetischen Juden, die die Möglichkeit zu tanzen, zu essen und zu trinken sehr schätzen. Chanukka und Purim sind daher die beliebtesten Feiertage – Jom Kippur, der Tag der Versöhnung, nicht ganz so. Der Anlass für diesen höchsten jüdischen Feiertag ist ernst und traurig, darum wird den ganzen Tag gefastet und gebetet.

Am Ende taucht im Publikum noch die Frage auf, wo und wie man sich am besten über seine jüdischen Wurzeln informieren könne. Nach alter Tradition fragt man am besten zunächst einmal die eigenen Familienmitglieder nach Fotos und Geschichten. Wo die nicht zu finden sind, sind die Gemeinden auf jeden Fall bereit weiter zu helfen, Kontakte zu Archiven zu vermitteln. Und außerdem, so Albin Majkowski, sei neben den jüdischen Wurzeln wichtig, ob jemand sich als Jude fühlt oder zum Judentum konvertieren möchte. Da finde sich immer ein Weg, auch wenn kein einwandfreier Nachweis durch Dokumente oder zwei Gemeindemitglieder möglich sei. Auch Juri Rosov verweist auf zwei Möglichkeiten, ohne Nachweise ins Judentum überzutreten: Mit einem Rabbiner, was eine Zeit dauert, oder aber eine assoziierte Mitgliedschaft, bei der die Gemeindeglieder fast dieselben Rechte wie alle haben, außer das Recht zu wählen und gewählt zu werden.

Noch immer ist es undenkbar, weil eine alltägliche Erfahrung, nicht über Antisemitismus zu sprechen. Juri Rosov dachte lange, das sei eine Krankheit, gegen die die Deutschen ein für alle Mal immun sein müssten. Doch noch immer ist er präsent, in Deutschland wie in Polen. Antisemitismus ist nicht das Problem der Juden, sondern der Mitmenschen. Das sieht auch Albin Majkowski so. Den Hass einzelner hält er für gefährlich. Doch noch gefährlicher sei es, wenn staatliche Institutionen antisemitische Vorfälle nicht verfolgen, sondern unterstützen.

Gleich zu Beginn dieser Veranstaltung wurde für alle deutlich, wie präsent der Antisemitismus ist. Mit dem Einspielen von Musik aus den 1930er Jahren und Schimpfwörtern auf Polnisch versuchten anonyme Störer*innen die Veranstaltung zu boykottieren. Das Team von perspektywa reagierte prompt und professionell: Nachdem sie nicht ruhiggestellt werden konnten, wurden sie von der Veranstaltung ausgeschlossen. Unbeirrt setzten Niels Gatzke und seine beiden Gesprächspartner ihren Austausch fort.

1.700 Jahre jüdisches Leben – in diesem Gespräch ist in jedem Fall ein facettenreiches Bild entstanden und eine Verbindung zwischen zwei jüdischen Gemeinden.